Bericht Nr. 5: Die Erde schüttelt sich...


By Anne - Posted on 14 März 2011

Das Tor in den Süden: die Fähre Interislander verbindet Neuseeland’s Nord- und Südinsel und nach 3: 15 Stunden legen wir in dem kleinen Hafenort Picton an. Bereits die Einfahrt in den Marlborough Sound lässt auf ein Eintauchen in eine andere Welt schließen: grüne Wälder bis an die Uferlinien und hohe, karge Berge umschließen die Küstenlinie.
Vom Hören und Sagen wusste ich bereits, dass mich auf der Südinsel andere Landschaften, noch mehr Einsamkeit, weniger Verkehr auf den Straßen und noch mehr Wettergegensätze erwarten. Von weiteren Erdbeben sagte noch niemand etwas…
Ich hatte mich entgegen einiger erstaunt-erschrockener Gesichter für die 209 km lange, unbefestigte Awatere Valley Road durch Neuseelands größte Farm ‚Molesworth Station‘ (180.787 Hektar!) entschieden. Ich freute mich auf mindestens vier Tage Einsamkeit und pure Wildnis, konnte ich doch zu diesem Zeitpunkt noch nicht das vollständige Ausmaß meiner Wahl überblicken…
Ich war noch kein Drittel der Gesamtstrecke geradelt, als (mal wieder) ein Auto sein Tempo neben mir verlangsamte, die Fenster runter gelassen wurden und ich von Dave & Phil mit einem dicken Grinsen im Gesicht begrüßt wurde: `You’re fuckin mad going on this road!`
Wir endeten am Abend im gleichen Camp und der Bericht über ihr Vorhaben ließ meine Ohren immer spitzer werden: am nächsten Morgen wollen sie auf eine 3-Tages-Begehung mit 2500 Höhenmetern zum Tapuae-o-Uenuku aufbrechen. Nun hatte ich die Lacher auf meiner Seite als ich fragte, wer von uns verrückter sei :-)
In einer schlaflosen Nacht wägte ich Vor- und Nachteile ab und fing schließlich in aller Frühe zu packen an. Für den Berg! Wichtigste Voraussetzung war, dass die beiden mir mit Essen aushalfen, da ich für maximal fünf Tage geplant hatte.
Heute lagen sechs Stunden Aufstieg zu einer Berghütte vor uns – bis zur ersten Flussüberquerung wusste ich nicht, dass noch 81 weitere folgen sollten. Dementsprechend wurde ich belächelt, als ich anfänglich doch tatsächlich meine Schuhe und Socken auszog…
Der nächste Tag war Gipfeltag! Im Gegensatz zum Bergsteigen beispielsweise in den europäischen Alpen, starten viele Wanderungen und Begehungen hier auf beinahe Meeresspiegelhöhe. Daher ließ uns der 2885m hohe Tapuae-o-Uenuku mächtig schwitzen und die Hände aus den Hosentaschen nehmen, da er doch einiges technisches Können verlangte.
Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, ist dass er der höchste Berg nördlich der Mt Cook Region im gesamten Pazifischen Raum ist und einst Sir Edmund Hillary als Trainingsberg für seine Everest-Begehung diente. Umso glücklicher lagen wir uns auf dem Gipfel in den Armen und überblickten die atemberaubende Landschaft in alle Himmelsrichtungen. Leider musste ich auf dem Rückweg mal wieder die Lektion lernen, dass mein Körper keine Maschine ist: das tägliche Radfahren und nun das Bergsteigen setzte meinen Knien mächtig zu und so gelangte ich am nächsten Tag unter großen Schmerzen zurück ins Tal. Doch lagen nun immer noch 150km steile, unbefestigte Staub-Straße vor mir…
Ok, ich gebe zu, dass ich es eindeutig übertrieben habe: die nächsten drei Tage lag ich mit hohem Fieber und Erkältungssymptomen im Zelt. Ein Ranger nahm sich meiner an und versorgte mich zumindest mit Nahrung, die nun wirklich langsam knapp wurde…
Die Bewegung meines Zeltes konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht deuten und schrieb die seltsamen Geräusche und Empfindungen meinem Gesundheitszustand zu. Dass es sich dabei jedoch um die Ausläufer des Erdbebens in Christchurch handelte, erfahre ich erst einen Tag später als ich wieder Empfang in Hanmer Springs habe und mich die vielen sorgenvollen Nachrichten von euch erreichen. Bis dahin konnte ich auch absolut nicht einschätzen, was das alles zu bedeuten hatte. Plötzlich fühlte es sich an, als sei ich mittendrin. Obwohl ich gute 100km von Christchurch entfernt war, ging das Verkehrschaos nicht spurlos an mir vorbei. Die Regale in den Supermärkten waren wie leergefegt – Angstkäufe der Flüchtlinge vor Nachbeben. Für drei Tage gab es kein Benzin an den Tankstellen; auf den Straßen blickte ich in verzweifelte, fassungslose Gesichter. Überall lagen sich Menschen weinend in den Armen oder versuchten hilfesuchend Kontakt zu vermissten Freunden und Verwandten im Krisengebiet aufzunehmen.
Da auch ich Zeit zum auskurieren und Kräfte sammeln brauche, alle Unterkünfte jedoch hoffnungslos durch Flüchtende überfüllt sind, frage ich in einem Yoga- und Massage Retreat nach einem Stück Wiese für mein Zelt. Von hier an nimmt meine Geschichte eine Wende, von der ich ganz bald berichte…



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