Bericht Nr. 4: Die Zeit anhalten können…


By Anne - Posted on 07 Februar 2011

…das wünsche ich mir manchmal…
Die vergangenen Wochen waren turbulent; viele Abenteuer, Erlebnisse, Erinnerungen und Geschichten zum erzählen.
Eigentlich mag ich es nicht sonderlich, mich über das Wetter auszulassen, aber Neuseeland ohne diese krassen Gegensätze wäre wie Gleiches ohne Schafe:
Hatte ich doch beim letzten Zyklon und Erdbeben in Rotorua ein festes Dach über dem Kopf, wurde nach der nächsten Unwetterwarnung mein Zelt auf Dichtigkeit geprüft. Drei komplette Tage verbrachte ich in Taupo in meinem „Haus“, abwechselnd liegend und hockend auf zwei Quadratmetern Zeltboden, fortwährend auf der Hut, die Zeltwände nicht zu berühren, um das Eindringen von Wasser zu vermeiden.
Ich erinnere mich gut an die Worte meines Vaters: „In Neuseeland kann es regnen, das hast du noch nie gesehen.“ Glücklicherweise stand mein Zelt auf einer Anhöhe; die Menschen des benachbarten Mittelalterfestivals mussten schließlich evakuiert werden. Als dann endlich die Sonne wieder lacht, scheint die Welt neu geboren…
Meine Route habe ich mir durch den von Vulkanen geprägten Landesteil um Rotorua – Taupo – Tongariro National Park gelegt und ich bin selten fasziniert. Charakteristisch für diese Region sind spektakuläre vulkanische und geothermale Landschaften, bedingt durch ihre Lage im pazifischen Ring des Feuers. Der Ring des Feuers markiert in Neuseeland die Grenze zwischen der pazifischen und der indisch-australischen Platte. Einige der Seen, Täler, Vulkane und Krater liegen über der größten Bruchstelle der Erde und sind daher Schauplatz der größten Eruption, die in der niedergeschriebenen neuseeländischen Geschichte stattgefunden hat.
Daraus wissen die Neuseeländer natürlich Touristenattraktionen zu machen und nur durch Hinweise von Einheimischen, finde ich auchimmer wieder ein paar Plätze abseits vom Tumult.
Die Farben und Lichtspiele sind faszinierend und ich nehme mir viel Zeit die Eindrücke mit allen Sinnen aufzunehmen und mit meiner Kamera zu experimentieren. Seltene Schwefelgerüche hängen in der Luft und überall brodelt, dampft und zischt es. Heiße Quellen treten an die Erdoberfläche; ich bleibe stehen, raste und staune über die Lebendigkeit im Inneren unseres Planeten.
Taupo ist ein Schauplatz für Touristen und es gibt kaum eine Fun-Sportart die nicht angeboten wird. Glücklicherweise treffe ich auf ein paar Einheimische und komme in den Genuss, etwas wirklich Spezielles zu erleben: River-Diving im Waikato River!
Der Fluss ist selten so hoch und reißend gewesen nachdem der Himmel endlich wieder seine Pforten geschlossen hatte. Neopren, Maske, Schnorchel waren schnell ausfindig gemacht, das Auto 5 km entfernt am Ausstieg geparkt, zum Einstieg getrampt und ab in die Fluten. Was ein Gaudi! Die heiße Quelle am Ende war wie ein Geschenk Gottes – unsere Zehen waren bereits weiß und taub. Es fiel mir beinahe schwer, Taupo hinter mir zu lassen, aber es sollte noch besser werden: Tongariro National Park mit seinen drei aktiven Vulkanbergen: Tongariro (1968 m), Ngauruhoe (2291 m) und Ruapehu (2797 m). Schon der Blick aus der Ferne verursachte ein angenehmes Kribbeln im Bauch.
In jener Nacht hatte ich mir ein gemütliches Plätzchen in der Wildnis gesucht, mein Zelt aufgebaut, den Kocher gezündet, als mich ein Keuchen und Hecheln aufschrecken ließ. Mitten durch den Wald kam ein Mann mit Rucksack gerannt, grüßte flüchtig und verschwand genauso schnell wieder wie er gekommen war. Ich war verunsichert, da ich mich erstens auf geschütztem Terrain befand, wo Wild-Zelten nicht gerne gesehen ist und zweitens, ich mich wirklich gut versteckt hatte. Etwa eine Stunde später knackte es wieder im Unterholz: der Mann war zurück. Diesmal jedoch im Ranger-Outfit. Ich rechnete mit dem Schlimmsten. Statt mir aber eine saftige Mahnung auszusprechen, wollte er es nicht mit ansehen, wie ich die Nacht alleine im Wald verbringe und ich konnte so schnell gar nichts entgegensetzen, da waren meine sieben Sachen inklusive Rad in seinem Truck und ich hatte ein richtiges Bett. Zuvor war Wolfi zum Training für einen Crosslauf im Wald unterwegs…
Ich konnte es kaum erwarten, das Rad stehen zu lassen und den Rucksack für ein paar Tage wandern zu packen. Ich war noch nie zuvor in einer von Vulkanen geprägten Landschaft unterwegs und konnte die vielen verschiedenen Anblicke gar nicht alle auf einmal aufnehmen. Wohin zuerst blicken??? Hinter jedem Lavablock eine neue Szene – wie ein Film in dem ich die Hauptrolle spiele. Fortsetzung folgt…
Ein Blick auf mein Tacho verrät, dass die ersten 1000 km längst hinter mir liegen; Körper und Seele haben sich eingewöhnt. Ich genieße ein Land voller natürlicher Gegensätze und Wunder…
Der ‚Forgotten World Highway‘ ist ein weiterer Geheimtipp: er führt mich aus der Vulkanlandschaft in die Heimat der Schäfer und Hirten, wo man wirklich meinen könnte, dass die Zeit irgendwann einmal stehen geblieben ist. Es wundert mich nicht, dass ich auf Menschen treffe, die noch nie an einem Computer gesessen haben, geschweige denn wissen, wie man ein Handy bedient. Für mich ist es schön zu erleben, dass es sowas noch gibt.
Ich bin zurück an der Küste. Ein weiterer Vulkan im Mount Egmont National Park steht imposant vor mir: Mount Taranaki. Ich habe Glück und erwische beim Aufstieg einen der wenigen Tage, an denen sein Gipfel nicht in den Wolken steckt. Hier treffe ich mich auch wieder mit Tony – ein radreisender Kiwi -, mit dem ich weiter nördlich schon einmal zusammen geradelt bin. Es ist eine neue, angenehme Erfahrung für mich, nicht nur die Straße sondern auch Eindrücke und Erlebnisse mit jemanden zu teilen. Doch in den kommenden Tagen drehen sich die Reifen meines Rades nicht; ich bin in Palmerston North bei Lisa’s (australische Freunde) Schwester Penny und ihrer Familie angekommen und lasse die Seele baumeln bevor ich mich in die Abenteuer der Südinsel stürze…



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