Bericht Nr. 3: Der große Aufbruch...
Nun ist das neue Jahr schon 18 Tage alt… Aber für gute Wünsche ist es nie zu spät und daher schicke ich noch ein paar Grüße zum neuen Jahr um die Welt: alles, alles Gute für 2011!
Ich habe es am Neujahrstag gerade so geschafft, den Fluten Brisbanes‘ zu entfliehen, bevor die Stadt gänzlich von den Wassermassen eingeschlossen wurde. Wer die Nachrichten verfolgt und sich fragt, ob das alles wirklich so schlimm ist, wie es dargestellt wird, dem sei gesagt: ja!
Normalerweise kommen Zyklone um diese Jahreszeit nicht so weit nach Süden, aber das Wetter scheint überall auf der Welt verrückt zu spielen.
Bereits vor Weihnachten wurde die Bevölkerung dazu aufgerufen, sich mit Lebensmitteln für mindestens zwei Wochen einzudecken und ab dann möglichst nicht mehr Haus und Grundstück zu verlassen. Und so saßen auch ich mit meinen Freunden Lisa & Steve aus dem sonst als „Sunshine State“ bekannten Queensland Weihnachten und Silvester drinnen. Zum Glück steht das Haus auf Stelzen und das Wasser hätte noch weitere 4m steigen müssen, um eine ernsthafte Gefahr darzustellen. Unvorstellbar jedoch ist die Luftfeuchtigkeit: ich konnte für 3 Tage meine gemalten Bilder nicht fertigstellen, weil sich das Papier selbst im Haus binnen weniger Sekunden zusammen rollte.
Nach meiner Rückkehr nach Auckland brauchte ich noch einige Tage für mich, um alles bisher Erlebte zu verarbeiten und mich seelisch und moralisch darauf vorzubereiten, dass ich nun längere Zeit keinen „sicheren Hafen“ zum ansteuern haben werde. Ich gestehe, dass ich mich etwas davor gescheut habe, wieder los zufahren… Und ich realisierte, dass ein Reise-Leben doch sehr, sehr fern von einem Alltag ist und eine nicht zu unterschätzende Portion Flexibilität, Anpassungsbereitschaft und Spontanität erfordert. Ich beginne bereits jetzt schon, luxuriöse Dinge wie ein „richtiges“ Bett, eine Dusche und einen einfachen Knopfdruck auf den Wasserkocher für einen Tee am Morgen unheimlich zu würdigen.
Meinem Wunsch nachgehend, an meinem Geburtstag wieder zu rollen, lasse ich am 11. Januar 2011 die Skyline Aucklands‘ hinter mir und bahne meinen Weg Richtung Süden. Mein Ziel ist es, relativ zügig die Südinsel Neuseelands zu erreichen, um in den Genuss des dortigen Sommers zu kommen. Ab April nämlich, nimmt die Zahl der kalten Tage und die Schneewahrscheinlichkeit rapide zu.
Aber bereits während meiner ersten Tage auf dem Rad gestehe ich mir ein, dass es keinen Sinn macht mit einem Plan in den Tag zu starten: es kommt sowieso grundsätzlich anders… Wozu also Energie ins strategische Planen stecken?
Die Freundlichkeit der Kiwis ist überwältigend: 5 von nun 8 Nächte genieße ich den Luxus eines Betts statt meinem Schlafsack, werde bekocht und herzlichst in ihre Familien aufgenommen. Manchmal muss ich mir fast etwas Freiraum erkämpfen, ist man doch häufig eine „Attraktion“ in den Augen der Einheimischen, die sich mindestens genauso darüber freuen wie ich, mir Obdach zu gewähren..
Auf meinem Weg nach Süden komme ich nun durch die von Vulkanen geprägte Landschaft um Rotorua und Taupo. Ich gebe zu, so ganz mit dem Planen habe ich es noch nicht aufgegeben… Versuche ich doch meine Route so zu wählen, dass ich an möglichst vielen natürlich heißen Quellen vulkanischen Ursprungs vorbei komme. Denn was gibt es Schöneres, als nach einem anstrengenden Tag im Sattel am Abend in 40 Grad warmes Wasser zu tauchen und alle Viere von sich zu strecken?!
Auch komme ich in den Genuss, meine ersten Kilometer in Begleitung zu radeln als ich Tony treffe. Es scheint beinahe als fliegen die Kilometer doppelt so schnell an mir vorbei, wenn man jemanden neben sich hat, sich zusammen die Berge hoch quält um schließlich oben anzukommen und gemeinsam zu staunen, wie schön das Land sich vor einem erstreckt.
Meinen Geburtstag hatte ich mir etwas anders vorgestellt: statt MEINEN Tag irgendwo in einem thermischen Pool zu verbringen, finde ich mich in einer Zahnarztpraxis wieder… Ich hatte schon seit einigen Tagen bemerkt, dass jede Berührung der Nahrung mit meinen unteren Backenzähnen unangenehm schmerzte. Und es gab auch nicht die Option einfach auf der anderen Seite zu kauen, da ich beidseitig Schmerzen spürte. Und Nicht-Essen auf dem Rad ist nun mal auch nicht die beste Idee… Alles jammern half also nichts…
Die Diagnose: je ein Loch links und rechts. Mit dem Gefühl für einige Stunden keinen Unterkiefer mehr zu haben, war ich wenigstens einen Tag später wieder schmerzfrei.
Meinen Geburtstag holte ich schließlich nach, als ich Rob & Jo traf. Sie luden mich für den nächsten Tag zum Fischen ein. Nun ja, wer mich als Vegetarier kennt und meine Einstellung zum Thema Tiere töten, der wird sich jetzt wohl etwas wundern…
Dennoch voller Vorfreude bin ich am nächsten Tag mit den beiden an Bord gegangen. Meine Euphorie war leider nicht von langer Dauer, denn schon bald nach der Überfahrt zum Ankerplatz hing ich über der Reling und lockte die Fische mit meinem zuvor eingenommenen Frühstück… Seekrankheit ist einfach das besch…. Gefühl auf Erden…
Irgendwann hatte ich das Gefühl von „ich möchte einfach nur sterben“ überwunden und durfte meinen ersten Fisch aus dem Wasser ziehen: einen stattlichen Thunfisch! Und denkt nicht, dass das so einfach getan wie gesagt ist! Muskelkater am nächsten Tag war der Beweis für die harte Arbeit.
Nun lag das zappelnde Tier auf dem Bootsdeck und man reichte mir einen Nagel, der ihm ein schnelles Ende bringen sollte. Was für ein Appell an meine Moral!!! Ich habe es nicht übers Herz gebracht… Dennoch habe ich so langsam ein Verständnis für diese „Fisch-Nation“ entwickelt, weil es doch für viele Kiwis ein Überleben darstellt und meist nur so viel gefangen wird, wie in unmittelbarer zeitlicher Nähe gegessen wird. Es war ein toller Tag auf dem Meer!
Nun sitze ich aufgrund einer nationalen Unwetterwarnung in Rotorua fest – der Zyklon von Australien ist auf dem Weg hier her… Aber ich habe ein sicheres Dach überm Kopf und keinen Zeitdruck… von daher: nach Regen kommt auch wieder Sonnenschein!
