Bericht Nr. 13: Wildes Bangladesch


By Anne - Posted on 03 Dezember 2011

Nach erneutem Zwischenstopp in Dhaka (ich bin jetzt bereits Familienmitglied!), buche ich eine Kabine auf der bekannten „Rocket“ – einer aus dem 19. Jahrhundert stammenden Schaufelrad-Fähre. Die nächsten Tage verbringe ich überwiegend auf dem Wasser, was ich als Abwechslung vom bangladesischem Straßenverkehr sehr willkommen heiße. Das Erlebnis „Rocket“ ist ein Muss: zum einen sieht man das Land vom Wasser aus, was völlig neue Einblicke gewährt. Zum anderen ist die Borddynamik äußerst spannend, wenn hunderte von Einheimischen wie Sardinen auf dem Boden hausen (sie können sich natürlich keine Kabine leisten) und die 30-stündige Fahrt bewältigen. In Bagerhat besuche ich die von der UNESCO geschützte Shait Gumbal Mosque – eine 1459 erbaute Moschee und die mit 60 Türmen Größte im Land.
In Khulna begegnet mir die wohl größte Ansammlung Nicht-Bangladeschis und für ein paar Tage kann ich mich auch mal in der Öffentlichkeit entspannen, weil nicht ständig Hundert-Scharen um mich versammelt sind. Über vier Tage geht es in den Sundabans-Nationalpark ,der mit 10.000 Quadratkilometern der größte Mangroven-Sumpf der Welt ist und seit 1997 auch von der UNESCO – zumindest auf dem Papier – eingetragen ist. Einzige Möglichkeit in diesem Natur-Juwel einzudringen ist eine offizielle Tour. Am ersten Zwischenstopp nehmen wir zwei schwer bewaffnete Ranger an Bord. Bekannt ist dieser Nationalpark für den einzigartigen Bengalischen Königstiger, vor dessen Angriffen sie uns im Fall der Fälle bewahrt werden. Obwohl die Wahrscheinlichkeit auf eine dieser noch verbleibenden 200-450 Großkatzen zu treffen leider verschwindend gering ist, dürfen wir das Boot nicht mehr ohne bewaffnete Begleitung verlassen. Die Tiger des Sundabans sind wohl bekannt für ihre Vorliebe für Menschenfleisch: über 120 offizielle Todesfälle im Jahr werden verzeichnet. Die Dunkelziffer der illegalen Fischen und Honig-Sammler liegt durchaus um einiges höher. Sundabans ist noch eine der wildesten und am wenigsten erforschten Gegenden der Welt und bietet ein Zuhause für eine einzigartige Flora und Fauna, die wir durch kleinere Bootsfahrten auf Seitenströmen und Spaziergängen bestaunen dürfen. Mit an Bord befinden sich zudem zwei Delphin-Forscher, was natürlich ganz besonders mein Herz erfreut. Immer wieder erhaschen wir einen Blick auf diese faszinierenden, jedoch auch vom Aussterben bedrohten Tiere. Ich gebe ganz offen zu: entgegen meiner Erwartungen, war dieser Trip einzigartig schön, lustig und äußerst empfehlenswert (Guide-Tours).
Dann neigt sich meine Zeit dem Ende entgegen und es wird mir schwer ums Herz. Zurück in den Menschenmengen und der Lautstärke, stelle ich doch fest, dass ich mich eingelebt habe. Für den Weg zurück nach Dhaka entscheide ich mich für den Zug, der zur Überraschung meiner bangladesischen Freunde zum ersten Mal in ihrem Leben pünktlich die 10-stündige Fahrt antritt.
Was wäre jedoch ein Trip nach Bangladesch ohne einmal so richtig – entschuldigt bitte meine Wortwahl – die Scheißerei zu bekommen? Eigentlich wollte ich mit meiner „Familie“ meine letzten Tage noch richtig feiern und genießen. Stattdessen jedoch ereilt mich aus heiterem Himmel Übelkeit, Durchfall und hohes Fieber und ich bleibe im Bett. Hauptsache ich muss in diesem Zustand nicht ins Flugzeug steigen… Am Tag meiner Abreise ist das Fieber zum Glück verschwunden; doch meine Augen scannen jedes Gebäude nach einer Toilette.
Am Flughafen wird es – ich möchte schon beinahe sagen „wie immer“ – spannend… Mein Rückflug habe ich von Kalkutta nach Dhaka verlegt und somit auch zeitlich früher gelegt (02. Dezember). Entgegen der ursprünglichen Versprechung des Beamten einer 3-monatigen Visaverlängerung lautet der Eintrag in meinen Reisepass am Ende doch nur bis zum 01.12. „No problem“, sagt Babul auf mein nervöses Nachfragen. Und wieder sitze ich am Flughafen im Büro des Einwanderungsamtes. Da in Bangladesch die Uhren sowieso anders ticken, serviert mir der Oberbeamte erst mal einen Tee und schaut und schaut und schaut… Irgendwann bekommt er dann doch mal den Mund auf und bringt hervor: „You are veeerrrryyyy beautyful. I like you very much.“ Mein sowieso verstimmter Magen krümmt sich noch mehr. Ich habe schon eine komische Vorahnung… Er wiederholt sich tausendfach, schaut immer wieder in meinen Reisepass und gibt mir zu verstehen, dass ich einen Tag zu lang im Land gelieben bin. Das Ende vom Lied ist, dass ich ihm versprechen muss bei meiner Rückkehr in sein Dorf zu kommen und er knüpft mir noch 200 Taka (~2€) ab. Da hab‘ ich wohl mal wieder Schwein gehabt…
Auf nach Singapore!



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