Bericht Nr. 12: Russisch-Roulette, Buddhismus und moderne Technologie
Über meine anfängliche Enttäuschung auf diesem Trip nicht nach Indien reisen zu können, komme ich schnell hinweg. Nachdem alles bürokratisch-organisatorisch in Dhaka erledigt ist, lädt mich ein langjähriger Gast Babuls’s – der 78-jährige Mr. David aus Australien – ein, mit ihm nach Ramu, in den Süden Bangladeschs, zu fahren. Seit 17 Jahren besucht er dort ein Waisenheim, dass sich v.a. Stammeskindern der Ureinwohner annimmt. Es gibt zwei verschiedene Stammesgruppen, die fast 1 Millionen Einwohner zählen und zumeist dem Buddhismus angehören. Ramu ist bekannt für seine Vielzahl buddhistischer Tempel und die größte Buddha-Statue des Landes. Das klingt vielversprechend für mich, da sich mein Plan in Indien einer 10-tägigen Schweigemeditation beizuwohnen nicht realisiert hatte.
Die Fahrt ist alles andere als langweilig und während der reise verstehe ich wirklich, was der Reiseführer meint mit: ‚Busfahren in Bangladesch ist ein bisschen wie Russisch-Roulette‘ und warum man tatsächlich 12 Stunden benötigt, um insgesamt eine Strecke von ca. 350km zurück zu legen. Die Straßen sind zumeist in katastrophalen Zuständen und oft nicht breit genug für zwei Reisebusse bnebeneinander. Dennoch wird alles immer irgendwie passend gemacht, sodass sich Busse, Autos, Baby-Taxies, Rickshaws (3-rädrige Personentaxis) aneinander vorbei schieben – oftmals liegen nur wenige Zentimeter dazwischen. Es ist befreiend für mich aus der Großstadt Dhaka raus zu kommen, das Landleben zu entdecken und das wunderschöne Grün des Landes kennen zu lernen. Abseits eines nahezu ständig präsenten Lautstärkepegels einer stark befahrenen Autobahn liegt das Waisenheim eingebettet zwischen einem buddhistischem und einem hinduistischem Tempel. Auch hier werde ich sofort als ‚Familienmitglied‘ von 80 Kindern aufgenommen, deren Herzen und Augen trotz ihrer Schicksale strahlen. Kinder ab 6 Jahre finden hier ein herzliches zu Hause und genießen eine beispielhafte Erziehung durch ihre Gasteltern Mr. & Mrs. Pachut. Der Tagesablauf scheint streng geregelt: 6 Uhr aufstehen, singen, Aufstieg zum Tempel fürs Gebet und Meditation, Frühsport, die erste morgendliche Lerneinheit, Frühstück und 9 Uhr wird in Reihe zur Schule gelaufen. Die Großen schauen nach den jüngeren ‚Geschwistern‘. Doch trotz aller Strukturen bleibt viel Raum & Zeit für die Kreativität der Kinder, die mit viel Liebe gefördert wird: an den Nachmittagen tanzen und singen die Kinder, malen und spielen sie. Hier wachsen unglaubliche Talente heran.
Auch dieses Projekt lebt von Spendengeldern. Jedes Kind hat außerdem noch einen Sponsor: 30€ reichen für einen Monat Kleidung, Essen, medizinische Versorgung und Schulbildung. Gerade wird in unmittelbarer Nachbarschaft eine neue Schule gebaut, um in Zukunft die Kosten einer staatlichen Schule einzusparen. Im Januar möchten es Mr. & Mrs. Pachut 30 weiteren Waisen ermöglichen ein neues zu Hause zu finden, doch noch mangelt es an Sponsoren…
Es ist eine kontroverse Welt hier: oft reicht das Geld nicht aus für wenigstens eine Mahlzeit am Tag; im nächsten Moment klingelt das Handy in der Tasche und ‚Mann‘ steckt sich eine Kippe an. Es scheint die Bildung zu sein, die den Menschen fehlt und das beginnt bei einfachster Hygiene und Familienplanung. Denn das rasante Bevölkerungswachstum bei mangelnder Basisversorgung ist das Hauptproblem.
In dieser Zeit in Ramu treffe auch ich auf einen täglichen Lehrer: ich wohne in den nächsten Tagen den Gebeten, Gesängen und Meditation der buddhistischen Mönche bei. Drei Mal am Tag steige ich auf zum Tempel und lausche meinem Innersten. Eine spannende Entdeckungsreise… Jeden Tag bekomme ich meine persönliche Lektion vom höchsten Mönch. Und trotz aller Askese und strengen Lebensregeln in der Mönchswelt klingelt innerhalb eines Gesprächs dreimal das Handy, seine Hand gleitet unter sein Gewand und in typischer Bangla-Art wird lautstark debattiert. Moderne Technologie kennt keine Armut.
Zum Abschied winken mir traurige Augenpaare hinterher; auch an mir geht diese rührende Gastfreundschaft nicht spurlos vorbei. Ich verspreche wieder zu kommen…
