Bericht Nr. 11: Viel Wirbel um Indien
Eine Eskorte Kinder aus dem Waisenheim begleiten uns zum Flughafen in Chittagong und zum Abschied glänzen ihre Augen einmal mehr vor Dankbarkeit und Freude. Mit etwas Wehmut im Herzen, aber auch einem unbeschreiblichem Glücksgefühl steigen wir zu dritt wieder in den Flieger zurück nach Dhaka. Babul, der dortige Koordinator der Hilfsorganisation „Ärzte für die Dritte Welt“ nimmt uns nochmals in Empfang und stellt uns seine Projekte vor. Er ist einer der Wenigen, der den Ausstieg aus der Armut geschafft hat: als Slum-Junge und Analphabet am Straßenrand Hülsenfrüchte verkaufend, hat er es heute geschafft, sich als Projektkoordinator eine Stellung in dieser armen, von Hunger gezeichneten Welt zu erarbeiten. Er hat bereits vier Schulen für Slum-Kinder in Dhaka aufgebaut, denn seiner Meinung nach, ist es das Wissen, dass den Menschen hier zu einem besseren Leben verhelfen kann.
Zwei weitere Tage in Dhaka und dann heißt es auch von hier wieder Abschied nehmen. Zu diesem Zeitpunkt ahne ich jedoch noch nichts von meiner baldigen Rückkehr… Indien ruft und ich freue mich über das endlich eintretende Urlaubsgefühl. Aber das sollte dann doch noch ein paar Tage länger auf sich warten lassen…
Am Immigrationsschalter in Kalkutta/ Indien wurde ich abrupt gestoppt. Antje und Mandy standen bereits auf indischer Seite; ich befand mich noch in Bangladesch. Und hier bin ich bis heute.
Ich hatte mit meinem deutschen Reisepass in Neuseeland das indische Visum beantragt und trotz mehrmaligem Nachfragen wurde mir immer wieder bestätigt, dass ich das Visum bei meiner Einreise am Flughafen erhalte – ich müsse nur meinen online ausgefüllten Antrag mit Passbild abgeben. Da stand ich nun vor dem ohnehin nicht gerade freundlich drein schauenden indischen Beamten mit meinen zwei ausgedruckten A4 Seiten und Reisepass. Kurz und knapp hieß es „No valid visa. Back to Dhaka.“ Wo sonst alles etwas langsam hier auf dieser Seite der Welt ist, ging nun alles ganz schnell: kein Zögern, kein langes fackeln, er ließ sich auf keine Diskussion ein und mit Tränen in den Auge fragte ich nur immer wieder: Warum? Warum? Warum? Ich bot ihm sogar unter vorgehaltener Hand Geld an in der Vermutung lediglich seiner Laune und Willkür zu unterliegen. Nichts half und zwei weitere Beamte drängten bereits: ich muss wieder einchecken für den Flug zurück nach Dhaka…
Eine filmreife Szene: drei völlig sprachlose, verwirrte „Weiße“ mit ausgestreckten Armen und Tränen in den Augen – wollten wir uns doch wenigstens zum Abschied noch umarmen. Mit dem Versprechen morgen wieder zu kommen werde ich abgeführt; es gibt kein Zurück. Die Beamten fragen mich, wo mein Rückflug-Ticket ist. Jetzt weicht meiner Enttäuschung und Fassungslosigkeit Ärger und wütend schreie ich sie an, wie und woher um Himmelswillen ich ein Ticket nach Dhaka haben soll, wenn ich gerade vor 10 Minuten in Kalkutta angekommen bin mit der Intention Indien zu bereisen??? Bis auf das ich meinen Emotionen Luft gemacht habe, hinterließ mein Gefühlsausbruch wenig Eindruck bei den Beamten.
Bis zum nächsten Flug nach Dhaka hatte ich noch zwei Stunden Zeit… Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Wieder ist Babul meine Rettung in Dhaka, der mindestens genauso überrascht ist über meine unerwartete Rückkehr. Seine Familie nimmt mich herzlichst auf. Jetzt merke ich wie erschöpft ich doch von den letzten Tagen bin; meine schwarzen Augenringe lassen sich nicht übersehen. Ich realisiere einmal mehr, dass Pläne gemacht werden, um nicht einzutreten und wie wichtig es ist, Situationen manchmal einfach hin zu nehmen wie sie sind. Alles passiert aus gutem Grund heraus…
Am nächsten Tag versuche ich es noch einmal im indischen Konsulat und erfahre auch den Grund meiner Einreiseverweigerung: Neuseeländer bekommen ihr Visum bei der Einreise; Deutsche nicht. Obwohl ich in Neuseeland wohne, habe ich einen deutschen Pass. Warum wusste das niemand in Neuseeland? Wo liegt der Fehler? Nun spielt es keine Rolle mehr…
Ein neues indisches Visum dauert mindestens zwei Wochen. Ich gebe auf – mein Indienbesuch muss für dieses Jahr warten. Mit Bangen gehe ich zum bangladesischen Konsulat, um mein in drei Tagen auslaufendes Visum zu verlängern. Dieser Beamte heute hat gute Laune und gibt mir ohne mit der Wimper zu zucken drei weitere Monate. Nun freue ich mich auf Bangladesch intensiv…
Alles Leben hier wird nun auch für mich Normalität: ich lerne mit den tausenden Heiratsanträgen täglich umzugehen und gehe dadurch viel selbstsicherer auch alleine umher. Meine Augen tränen nicht mehr, wenn ich einen grünen Chilli kaue; Toilettenpapier ist Luxus – ein kleiner Wasserkrug neben dem Klo muss gefüllt werden für alle Geschäfte. Im Straßenverkehr bekomme ich keine Beinahe-Herzinfarkte mehr, wenn auf 8-spuriger Straße ein Geisterfahrer kommt. Ich bin fasziniert…
Was ich allerdings am meisten genieße ist das bangladesische Essen. Und damit meine ich nicht nur die eigentlichen Mahlzeiten, sondern das WIE. Gegessen wird mit den Fingern der rechten Hand (die Linke wird auf der Toilette benutzt) und was wir als Kinder gelehrt bekommen: ‚Mit Essen spielt man nicht!‘, ist hier Regel Nummer 1. Je länger mit den Fingern im Essen gemanscht wird, je lauter geschlürft, geschmatzt und nach dem Essen gepupst und gerotzt wird, desto mehr fühlt sich die Köchin geehrt.
