Bericht Nr. 10: In einer anderen Welt, und doch zu Hause...
Meine erste Woche in Bangladesch ist bereits vorüber; die enorm vielen Eindrücke (vorerst) verdaut…
Nach einer langen erschöpfenden Reise von Christchurch über Singapur kam ich kurz vor Mitternacht in der bangladesischen Hauptstadt Dhaka an. Selten zuvor bin ich so wenig vorbereitet aufgebrochen: ich hatte keine Landeswährung in der Tasche, kein Visum, wusste noch nicht, wo ich den Rest der Nacht verbringe... Erzählt wurde mir nur immer und immer wieder, dass ich alles vor Ort bekomme – Dhaka sei sehr „westlich-modern“ – auch mitten in der Nacht. Am Ausgang sollte ich Ausschau nach dem Schild „Ärzte für die Dritte Welt“ halten; dort wartet Babul und nimmt mich in Empfang. Nun gut…
Am Immigrationsschalter wurde ich nach kurzem Blick in meinen Ausweis sofort durch gewunken – ich sollte mir auf der anderen Seite erst mein Visum kaufen. Im guten Glauben hielt ich dem Herrn am Bankschalter meine neuseeländischen Dollar Scheine hin. Doch statt bangladesischer Taka erhielt ich lediglich ein Kopfschütteln und wurde weiter geschickt. Am nächsten Schalter stand ich drei jungen Burschen gegenüber, die sich natürlich äußerst freuten, eine „blonde Weiß-Haut“ bedienen zu können. Nur mit meinen Banknoten konnten auch sie nichts anfangen. Sie holten ihre Handys aus den Taschen und legten sich ordentlich ins Zeug für mich. Dann hieß es warten auf einen Rückruf mit hoffentlich positiver Nachricht. Ich konnte mich vor Müdigkeit kaum auf den Beinen halten; die Hitze erschlug mich beinahe. Nach einer halben Stunde – ich sah mich schon in irgendeiner Ecke auf dem Flughafen nächtigen – kam er erwartete Rückruf: ich bekam einen sehr schlechten Kurs aber hielt glücklich meine Takas in den Händen und kurz drauf meinen Reisepass mit Einreise-Visum.
Überglücklich über mein Bett in dieser ersten Nacht in Bangladesch stellte ich mir nur noch eine Frage: wie schläft man bei gefühlten 40 Grad Celsius und 60% Luftfeuchtigkeit???
In den nächsten Tagen ist einer spannender als der andere. Es ist nicht einfach Worte zu finden, um das Erlebte zu beschreiben… Ich weiß nicht, wo ich zuerst hin schauen soll, meine Geruchsnerven werden auf das Äußerste herausgefordert. Zeit zum Verarbeiten von Eindrücken bleibt kaum, denn an der nächsten Straßenecke bietet sich bereits ein weiteres Szenario, was erschüttert.
Einen Tag später besuche ich den größten Slum in Dhaka mit über 500.000 Bewohnern. Die Organisation Ärzte für die Dritte Welt hat hier eine Schule aufgebaut und bietet einmal in der Woche eine Sprechstunde zur medizinischen Grundversorgung an. Ich habe die Ehre den Kindern ihre wahrscheinlich heute einzige Mahlzeit auszuschenken: zwei Kellen Reisbrei und einen Becher Milch, die von Nestle gesponsert wurde. Die Erwachsenen kauen einen Tabakersatz aus Betelnuss, um die Zeit zur nächsten Mahlzeit zu überbrücken. Ich frage mich, wie viele Tage sie manchmal kauen…
Meine Freude ist groß als es am Flughafen ein Wiedersehen der besonderen Art mit Antje (Gründerin KinderLachen009) und ihrer Arzthelferin Mandy gibt. Beinahe ungläubig, dass diese noch vor einem Jahr geträumte Phantasie nun Wirklichkeit ist, liegen wir uns in den Armen. Wir fliegen direkt weiter nach Chittagong und lassen uns von einem sogenannten „Baby-Taxi“ zu unserem Ziel bringen: das Kinderwaisenheim St. Benedict.
Mit offenen Armen werden wir herzlichst von den hier arbeitenden Schwestern in Empfang genommen. Kurze Zeit später stürmen gut 40 vor Glück kreischende Kinder auf uns zu. Ich bin für ein paar Sekunden gelähmt; diese unbeschreibliche Freude in den weit aufgerissenen schwarzen Knopfaugen ergreift mein Herz; Freudentränen kullern… Wir haben es geschafft! Jedes Kind möchte auf den Arm genommen werden; wir überhäufen sie mit Küssen, Streicheleinheiten, Zärtlichkeiten. Diese kleinen, dankbaren Wesen, die in der Obhut von den Schwestern des katholischen Ordens St. Benedict ein glückliches Zuhause gefunden haben und hier nun wohl behütet aufwachsen. Wir besuchen die „Babystation“ und die größeren Kinder, die bis zur 10. Klasse hinter den schützenden Mauern des Waisenheims leben können. Nicht alle Kinder hier sind Vollwaisen. Es werden auch Kinder vor die Tore gelegt, für die die Mutter einfach aufgrund der Armut der Familie nicht aufkommen kann, weil es nicht selten bereits das vierte oder fünfte Kind ist.
Gefeiert wird viel in den kommenden Tagen: es steht das größte muslimische Festival „Eid-ul-Adha“ (blutiger Eid) vor der Tür. Nach dem morgendlichen Gebeten führt das Familienoberhaupt die geschmückte Opfergabe der Familie – entweder Kuh, Schaf, Ziege, Büffel oder Hühnchen – zum Hauseingang, dreht es gen Mekka und schneidet ihm die Kehle durch. Das Fleisch wird verteilt unter der Familie, Freunden und den Armen.
Nun versucht euch bitte das Bild auf den Straßen vorzustellen: es leben 150 Millionen Menschen in Bangladesch, von denen 83% dem Islam angehören. Es fällt wirklich schwer Worte zu finden und an dieser Stelle überlasse ich das Erlebte eurer Phantasie…
Als wir am Nachmittag nach der großen Metzelei durch die Straßen laufen, ist es wieder erstaunlich „sauber“. Dennoch werden mir die umherfliegenden Gerüche wohl auf Ewigkeit im Gedächtnis bleiben. Und auch große Haufen mit Fleisch und Innereien, Häuten und Schädeln an jeder Straßenecke unter einer sengenden Sonne zum Verkauf liegen zu sehen, braucht doch einiges an Verarbeitungszeit. Ein Bild hat sich förmlich in mein Gedächtnis gebrannt: in mitten eines der vielen Müllhaufen stand eine nach unten gebückte Frau in wunderschönem Gewand und stocherte vergeblich auf eine graue Masse ein. Ich blieb stehen und wagte ein genaueren Blick: sie versuchte einen liegen gelassenen Kuh-Darm aufzureißen, was ihr schließlich auch gelang. Mit der größten Selbstverständlichkeit leerte sie die grüne Kot-Masse aus und verpackte den Darm behutsam. Der Hunger in ihren Augen verriet den Rest…
Ein umso herzlicheres Bild bot sich uns bei der Spenden- und Medikamentenübergabe an das Kinderwaisenheim. Mit einem Gesamtbetrag von €10.000 sind Antje und Mandy in ihren Koffern angereist; Medikamente und Spielsachen brachten es nochmals auf einen Gesamtwert von €5000. Ich kann meine Freude kaum beschreiben, dass ich mit über €1700 von mir gesammelten Spendengeldern, Teil von diesem zutiefst menschlichen Projekt sein darf und mir die Ehre zuteil geworden ist, EURER Geld für die Grundversorgung dieser Kinder zu übergeben… DANKE für euren Beitrag für die Zukunft unserer Kinder der Erde!
Wie viel mehr Bedarf hier herrscht wage ich kaum zu schätzen, als mich eine sehr junge Frau bei einem unserer Slum-Besuche in ihre Hütte zieht. Mit Händen und Füssen gibt sie mir ihre Bitte zu verstehen: sie ist erst 20 Jahre alt und das Baby auf ihrem Arm ist ihr Fünftes. Sie fragt mich mit flehenden Augen, ob ich an mich nehmen und mitnehmen könne. Ein weiterer Abend an dem ich meinen Tränen freien Lauf lasse…
So komisch es klingen mag: ich fühle mich seltsamerweise in dieser, anderen Welt, in dieser Armut zu Hause. Denn wirklich mittelos sind diese Menschen lediglich im materiellen Sinne der westlichen Welt…
